Nedeljko Bilalic (links) als Kanzlersprecher beim Pressefoyer nach dem Ministerrats am 28.6.2011 Foto: Gerhard W. Loub CC BY-NC 2.0

Spinwatch

“Neddy ist too big to fail”

PR-Berater Bilalic gilt als mächtigster Einflüsterer und Geheimnisträger der letzten vier SPÖ-Vorsitzenden. Sein Einfluss auf die Strategie der Partei ist unbestritten. Als stärkste Waffe gilt sein Wissen.


Wenn Nedeljko Bilalic am Morgen die Löwelstraße betritt und die Stufen am Weg ins Büro der SPÖ-Bundesparteivorsitzenden erklimmt, bringt er einen prall gefüllten Rucksack an Erfahrung mit. Der gutbezahlte Berater von Pamela Rendi-Wagner feierte vergangenes Jahr sein 20-jähriges Parteijubiläum. Damals begann der heute 40-Jährige im Call Center der Roten - der erste Schritt am Weg zum mächtigsten Kommunikator der SPÖ. Denn das Wissen, das sich "Neddy" sein halbes Leben aneignete, bestand nicht nur aus dem Handwerk der politischen Kommunikation. Das, was er über seine Chefs weiß, macht ihn so mächtig. Er ist ein Geheimnisträger. Als "too big to fail", beschreibt ihn ein Pressesprecher aus den eigenen Reihen und zielt mit dieser Aussage nicht auf die Körpergrößen des Zwei-Meter-Manns ab. "Der Neddy weiß alles. Seit Gusenbauer. Alles.“

Ganz nah dran

Denn kaum jemand kennt die politischen Spitzen so gut wie ihre Pressesprecher. Sie sind die Ersten, die sich am Morgen melden und die Letzten, von denen man am Abend hört. Sie sitzen am Verhandlungstisch genauso dabei wie im Hinterzimmer. Sie wissen alles. Und darin besteht ihre Macht. Für die meisten von ihnen ist es ein kurzer Besuch am politischen Parkett. Sie bleiben für eine Periode und verschwinden dann wieder. Und dann gibt es jene, die diesen intensiven Job länger stemmen. Nicht selten werden sie zu zentralen Figuren der österreichischen Innenpolitik. Bilalic ist einer von ihnen.

Am Weg nach oben

Der frühere Büroleiter von Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas stieg im Sommer 2009 zum Kommunikationschef der Bundespartei auf. Faymann vertraute ihm und holte ihn zwei Jahre später als Pressesprecher ins Kanzleramt. Nach der Regierungsbildung Faymann II durfte Bilalic nicht mehr an der Seite des Primus stehen, sondern erlitt einen scheinbaren Abstieg zum Sprecher von Kanzleramtsminister Ostermayer. Doch zwischen seinen alten und seinen neuen Chef passte kein Blatt. “Der Neddy hat immer noch mitgespielt”, berichtet eine Innenpolitikjournalistin gegenüber Zoom. Er blieb stets im Zentrum der Macht. Mit einem Ausrutscher: Die verpatzte Kampagne des sozialdemokratischen Präsidentschaftskandidaten Rudolf Hundstorfer 2016, die er leitete, kratzte an Bilalics Erfolgsimage. Dass ihn die Karriereleiter nicht in die Hofburg führte, war nicht geplant. Er brauchte ein neues Spielfeld.

Der Seitenwechsel

Als Bilalic im Mai 2016, nach dem konfliktreichen Kanzlerwechsel von Werner Faymann auf Christian Kern, die Aufgabe des Pressesprechers von Kanzleramtsminister Thomas Drozda übernahm, stellten viele im SPÖ-Umfeld seine Loyalität in Frage. Sein ehemaliger Chef und langjähriger Förderer Faymann sei immerhin nicht freiwillig gegangen. Doch Bilalic arrangierte sich rechtzeitig mit dem damaligen Kern-Intimus Drozda. Und auch mit dessen Kabinettschef Michael Rendi. Seine Gattin war zum damaligen Zeitpunkt Sektionschefin im Bundesministerium für Gesundheit. Zehn Monate später wurde Pamela Rendi-Wagner Frauenministerin.

Wissen ist Macht

Heute kann Bilalic aus dem Vollen schöpfen, wenn er die SPÖ-Chefin berät. Er kennt jeden Deal, den ihre Vorgänger abgeschlossen haben und jeden, den sie gebrochen haben. Er weiß von deren Schwächen und war in ihren schlimmsten Momenten dabei. Wieviel er ihr davon berichtet, wissen wohl nur die beiden selbst. Auch Bundesgeschäftsführer Thomas Drozda, der lange zum kleinen Kreis rund um Rendi-Wagner gehörte, soll mittlerweile außen vor gelassen werden. “Es sind nur mehr die beiden. Die Pam und der Neddy ziehen das gerade allein durch”, sorgt sich eine SPÖ-Mitarbeiterin, die früher noch Zugang zur Parteispitze hatte und beobachten konnte, wie der Zirkel rund um die Vorsitzende über die Monate schrumpfte.

Wie groß die Macht der Kommunikatoren im Land sei, beschreibt auch Die Presse im Frühjahr und bezeichnet Österreich als “Republik der Pressesprecher”. Denn sie überleben jeden Flügelkampf, jede Obmanndebatte und jeden Putsch. Ein ehemaliger Parteisprecher beschreibt es so: “Wir wissen alles über sie. Und sie wissen nichts über uns.” Die Chefs und Chefinnen würden einem blind vertrauen, verrät er. Und er gesteht auch ein, dass die Presseleute untereinander auch ohne das Wissen der Oberen Deals einfädeln würden. “Die kommen und gehen”, meint er zum Schluss. “Aber wir bleiben.”

Die Zoom-Rubrik “Spinwatch” beschäftigt sich mit den Meinungsmachern der Republik. Wer sind die einflussreichsten Berater im Land und wie sehen ihre Netzwerke aus? Welche Agenturen begleiten die Parteien im Wahlkampf? Und mit welchen Kommunikationstricks wird gearbeitet?