Martin Ho und Sebastian Kurz beim 32. Geburtstag des Unternehmers © leisure communications/Christian Jobst

Das Bro-Netzwerk

Im Netzwerk von Sebastian Kurz und Martin Ho werden exklusive Partys gefeiert, Staatsaufträge vergeben und zu Empfängen von Regierungschefs eingeladen. Teil 1 der zwölfteiligen Recherche über den Ex-Kanzler und den Clubbesitzer.


Vor dem Tor des Trenningschlössels in der Wachau stehen zwei Oldtimer. Am Vorplatz des denkmalgeschützten Châteaus weht die Fahne der Sozialistischen Republik Vietnam neben jener von Österreich und der Europäischen Union. Im Garten des im Jahr 1302 errichteten Anwesens schenkt eine elegant gekleidete Frau Champagner aus.


Das Trenningschlössel in der Wachau am 14. Juli 2018 © leisure communications/Christian Jobst

Insgesamt 100 Flaschen der Marke Dom Perignon Vintage - Retailpreis: 169 Euro pro Flasche - sollten an diesem sonnigen Julitag getrunken werden. Der in Vietnam geborene Unternehmer Martin Ho feiert "in kleiner Runde mit Freunden und Wegbegleitern" nicht nur seinen 32. Geburtstag, sondern auch die Aufnahme in den exklusiven Kreis der Schlossbesitzer. Für seine Frau Ivana sei ein Traum in Erfüllung gegangen, wie sie ihren mehr als 20.000 Fans auf Instagram verrät. Die Unternehmerin ist Profimodel und setzt sich dementsprechend öffentlich in Szene. Einige Räumlichkeiten des Anwesens will die Familie selbst bewohnen. Im übrigen Teil des Schlössels soll ein Boutique Hotel entstehen. Gerade einmal sieben Zimmer werden im La Petite Ivy an ein zahlungskräftiges und um Diskretion bemühtes Publikum vermietet. Wer in einer Suite mit dem Namen "Bukkake" nächtigen will, muss sich einem strengen Fotoverbot unterwerfen.

"Vor allem ohne Geld"

Unter den Partygästen befindet sich auch Martins Vater Xuan Thai Ho, der vor 28 Jahren als Wirtschaftsflüchtling nach Österreich ausgewandert ist - "ohne Fremdsprache, ohne Karriere, ohne Kontakte, ohne Gesundheit und vor allem ohne Geld", wie er einem vietnamesischen Medium verriet. Er ist nicht nur stolz auf den rasanten geschäftlichen Aufstieg seines Sohnes, sondern auch dass Martin, der eigentlich Anh Tuan heißt, ein "enger Freund" von Sebastian Kurz ist. Anders als sein Vater behauptet, wird Ho Junior laut der deutschen "Zeit" als Kind wohlhabender Eltern geboren und kann bereits in jungen Jahren um die Welt reisen. Seine Matura absolviert der nach eigenen Angaben "ganz miese Schüler" auf der privaten Vienna Business School. Seine Eltern sollen im Import-Export-Geschäft erfolgreich tätig gewesen sein und ihren Sohn bei dessen Firmengründung maßgeblich unterstützt haben. Mittlerweile besitzt er mit seiner DOTS Gruppe mehrere Restaurants, den Techno Club Pratersauna, den Hip Hop Club VIE I PEE sowie den Memberclub X, in dem Sebastian Kurz in seiner Zeit als Außenminister regelmäßig gesehen wurde.


Anders als bei der Wahl ihrer Kleidung legt die Familie Ho bei Aussagen zur Herkunft ihres Vermögens Wert auf Understatement © leisure communications/Christian Jobst

Der ebenfalls 1986 geborene Kurz hat Martin Ho eigenen Angaben zufolge vor seiner Zeit als Spitzenpolitiker auf Partys kennen und schätzen gelernt. Obwohl Kurz im Sommer 2018 einen dichten Terminkalender hat, fährt er an diesem Tag von der Steiermark in die Wachau, um seinem langjährigen Weggefährten zu gratulieren und eine Laudatio zu halten. Am Vormittag war Kurz noch auf den Grazer Hausberg Schöckl gewandert, wo er seine Sommertour "Bergauf, Österreich" gestartet hat.


Sebastian Kurz hält eine Rede zu Ehren des Gastgebers Martin Ho. © Instagram/Martin Ho

Die Rede des damaligen Kanzlers verfolgt auch Martin Grandits, der Lieblingskünstler des Gastgebers. Grandits, der als Thema seiner Werke mit Vorliebe Kokain wählt, passt auf den ersten Blick nicht zur Mehrheit der übrigen Gäste. Die Banker Phillipp Spängler und Erwin Hameseder sind ebenso hier wie der damalige Kanzleramtsminister Gernot Blümel, Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner und "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak.

Ein lukrativer Staatsauftrag

In die Wachau gekommen ist auch Michael Kapfer, der sich wenige Monate später über einen genauso lukrativen wie umstrittenen Staatsauftrag freuen wird. Der Agenturchef, der sich dafür rühmt mehrere Bundes-, Landes- und Europawahlkämpfe geleitet zu haben, wurde einer breiteren Öffentlichkeit kurz vor der Nationalratswahl 2017 als erster Kronzeuge in der sogenannten Silberstein-Affäre bekannt. Damals gestand er gegenüber dem Nachrichtenmagazin Profil, im Auftrag des Beraters Tal Silberstein negative Videos über Sebastian Kurz produziert zu haben, die zum Teil selbst der SPÖ zu weit gingen. Die ÖVP, die beschuldigt wird, Personen aus dem Team von Silberstein mit hohen Geldsummen als Überläufer rekrutiert zu haben, fordert auch noch im Jahr 2019 von der SPÖ, mit keiner in das Dirty Campaigning involvierten Person zusammenzuarbeiten. Die Stimmung auf der Party dürfte die Anwesenheit von Kapfer, der für die kreative Umsetzung der Schmutzkübel-Videos über "Fake Basti" verantwortlich war, jedoch zumindest nicht getrübt haben. Auch geschäftlich war die Affäre kein Dämpfer für den umtriebigen Werber. Im Juni dieses Jahres wurde bekannt, dass die von ihm geführte Agentur GGK MullenLowe dank einer türkis-blauen Mehrheit im Überleitungsausschuss 400.000 Euro für das Logo der Gesundheitskassa erhalten soll. Die Belohung dafür, dass Kapfer der Öffentlicheit Details über seine Zusammenarbeit mit Silberstein und der SPÖ verriet? Sebastian Kurz und seine Pressesprecher wollten zu Geschäftsbeziehungen mit Kapfer, wie auch zu anderen Themen, gegenüber Zoom auf Anfrage keinen Kommentar abgeben.


Martin Ho und Michael Kapfer, dem Türkis-Blau für ein Logo 400.000 Euro zahlen will © leisure communications/Christian Jobst

Nach einem Kurzurlaub in Marbella kommt Martin Ho im Spätsommer 2018 zurück in sein Château und dreht erstmal einen Joint um runterzukommen. Das Lifestyle-Magazin GQ ist im Trenningschlössel zu Besuch, um den aufstrebenden Unternehmer zu porträtieren. Martin Ho hat keine Zeit, um sich richtig auszuruhen. Die Eröffnung seines neuen Lokalkomplexes One of One in einem Wiener Innenstadtpalais steht bevor. Seine Frau Ivana ist auf dem Weg zur Paris Fashion Week und er hat nun die vollen Elternpflichten für das Kleinkind zu erfüllen. GQ erzählt er, dass er in dem konservativen Österreich oft angefeindet wird und er unter dem mangelnden Respekt der Einheimischen leidet. "I say the chancellor is my brother, and they still say fuck you", wird er von dem Männermagazin zitiert.

Der Empfang des Premierministers

Drei Monate nach der Party in der Wachau steht Martin Ho am Ende eines roten Teppichs neben dem Wiener Millitärkommandanten Kurt Wagner und wartet auf Sebastian Kurz und dessen Gast vor dem Bundeskanzleramt. Der Premierminister der Sozialistischen Republik Vietnam Nguyễn Xuân Phúc wird mit militärischen Ehren empfangen und schreitet die Ehrenformation der Garde in Richtung Martin Ho ab. Der Gastwirt und Clubbetreiber ist gemeinsam mit der damaligen Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, Brigadier Wagner, dem ehemaligen Regierungssprecher Peter Launsky-Tieffenthal und weiteren Spitzenbeamten Teil der siebenköpfigen österreichischen Delegation, die den Regierungschef am Ballhausplatz begrüßt. Das Bundeskanzleramt wird Hos Anwesenheit weder in Wort noch in Bild für die Öffentlichkeit dokumentieren und lässt auch eine Anfrage von Zoom bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Einzig die staatliche vietnamesische Nachrichtenagentur VNA und Ho selbst werden von dem Treffen berichten.


Martin Ho hinter dem Wiener Millitärkommandanten Kurt Wagner am 15. Oktober 2018 © VNA

Erst zwei Wochen vor dem Empfang am Ballhausplatz war nocheinmal Martin Ho Gastgeber. Sebastian Kurz lud reiche Freunde wie René Benko und Florian Gschwandtner zu einer geheimen Party in Hos Lokal Brunnerhof in Wien-Döbling. Das angeblich schon traditionelle Fest, das Ho für Kurz jährlich organisiert, sollte eigentlich nicht öffentlich werden. Ein Medium mit Hang zum Societyjournalismus hat allerdings davon erfahren, nachdem das Model Dragana Stankovic ihre Eindrücke vom Event auf Instagram teilte.

"Brüder vor Schlampen"


Martin Ho ünterstützt Sebastian Kurz nach dessen Abwahl als Bundeskanzler © Instagram/Martin Ho

Für Martin Ho ist Instagram inzwischen zur Last geworden. Wenige Tage nach dem Sturz der Regierung Kurz sorgt ein Posting für Wirbel, mit dem er seinen Freund nach dessen Abwahl unterstützen wollte. Unter dem Hashtag #brosbeforehoes, was auf Deutsch mit "Brüder (oder enge Männerfreunde) kommen vor Schlampen" übersetzt werden kann, veröffentlichte er ein Bild von sich und dem Ex-Kanzler aus besseren Zeiten, als sie im Garten des Trenningschlössels vor einer Skulptur von Erwin Wurm posieren. Mittlerweile hat Martin Ho sein Instagram-Profil von "öffentlich" auf "privat" gestellt. ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer warnt inzwischen vor einem schmutzigen Wahlkampf. Und aus dem Umfeld von Sebastian Kurz erfahren verwunderte Journalistinnen und Journalisten in Wien, dass Tal Silberstein im Besitz eines Fotos sein soll, das den Ex-Bundeskanzler angeblich beim Konsum von Kokain in den Räumlichkeiten von Martin Ho zeigt.

In wenigen Tagen veröffentlichen wir den zweiten von insgesamt zwölf Teilen unserer Recherche über Sebastian Kurz und Martin Ho. Wer unseren Newsletter abonniert und uns auf Twitter folgt, erfährt zuerst davon.

Zoom veröffentlicht die E-Mail Anfragen zur Recherche:
Anfrage an Sebastian Kurz
Anfrage an Martin Ho
Anfrage an das Bundeskanzleramt