Dr. Judith Kohlenberger forscht an der WU Wien zu Migration. Die Kultur- und Sozialwissenschaftlerin wurde im Jahr 2019 erstmals in das "Ökonomenranking" der FAZ aufgenommen. © Raimo Rudi Rumpler

Migration und Mafia

Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger von der Wirtschaftsuniversität Wien erklärt im Zoom-Interview, dass es "keinen empirischen Hinweis" für die von Sebastian Kurz vertretene These gibt, Seenotrettung sei am Sterben im Mittelmeer schuld.


Zoom: Sebastian Kurz sagt, die Seenotrettung sei schuld am Sterben im Mittelmeer. Er hat von „NGO-Wahnsinn“ gesprochen. Rettungsaktionen seien zwar gut gemeint aber kontraproduktiv. Was sagt die Wissenschaft?

Kohlenberger: Sämtliche bisher vorliegende wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass es keinen empirischen Hinweis darauf gibt, dass Seenotrettung als sogenannter „Pull-Faktor“ wirkt. In der modernen Migrationsforschung ist man längst vom Push-Pull-Modell abgegangen. Das wird hauptsächlich im politischen Diskurs fälschlich und missbräuchlich verwendet. Wir wissen mittlerweile, dass Migrationsentscheidungen ein komplexes Zusammenspiel aus Möglichkeiten – dazu zählen Infrastruktur, Transport, finanzielle Ressourcen – und Aspirationen sind. Dem wird das simplifizierende Push-Pull-Modell nicht gerecht. Ein Beispiel: In Ländern südlich der Sahara gibt es zwar einen hohen Prozentsatz der Bevölkerung, der hypothetische Migrationsaspirationen äußert. Das sind bis zu 30 Prozent vor allem der jungen Population in diesen Ländern. Aber nur 5 Prozent der Befragten hatte fünf Jahre, nachdem sie über ihre Migrationsaspiration gesprochen hatten, diesen Wunsch in die Tat umgesetzt. Das nennt man den sogenannten „Aspiration-Capability Gap“. Die meisten Personen haben einfach nicht die Ressourcen, sich Migration international oder sogar transkontinental leisten zu können.

Zoom: Laut der Migrationsagentur der Vereinten Nationen (IOM) sind 80 Prozent der in Europa ankommenden Frauen aus Nigeria potentiell Opfer von Zwangsprostitution oder sexueller Ausbeutung. Die Mafia finanziert diesen Frauen die Schlepper für die Reise nach Europa. Sie werden gezwungen, am Strich ihre "Schulden" abzuarbeiten. Es geht hier allein im Jahr 2016 um mehr als 6500 identifizierte Opfer. Wie kann man am Status Quo etwas ändern?

Kohlenberger: Es gibt ein ganz einfaches Instrument, um diese Dynamik wirkungsvoll und nachhaltig zu unterbinden, und zwar indem man endlich legale Fluchtwege schafft. Denn der einzige verlässliche Faktor, warum Menschen weiterhin den Weg übers Mittelmeer wählen, ist ja, weil ihnen keine legalen Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Das heißt, nicht die Seenotrettung und der vermeintliche Pull-Faktor sind hier verantwortlich, sondern die Tatsache, dass es keine anderen Möglichkeiten zur Migration gibt. Dadurch entsteht das, was wir in der demographischen Forschung die „positive Selbstselektion von Geflüchteten“ nennen. Das bedeutet, dass Personen mit einem höheren sozioökonomischen Stand sich eher eine gefährliche Flucht leisten können, weil sie über die nötigen finanziellen Mittel verfügen. Jene Personen, die dieses Kapital nicht haben - wie eben die genannte Gruppe der Nigerianerinnen - müssen diese Ressourcen auf einem anderen Weg aufstellen. Von geflüchteten Syrer*innen wissen wir, dass sich viele Menschen stark verschuldet oder das Eigenheim verkauft haben. Die Ärmsten der Armen konnten sich die Flucht gar nicht leisten. Diese sind maximal Binnengeflüchtete innerhalb des Landes oder leben in überfüllten Flüchtlingslagern in Nachbarländern wie Jordanien und dem Libanon. Um das ganze System nachhaltig zu unterbinden, müsste man zum Beispiel in Resettlement investieren. Und genau dann hätte dieses Schuldenmachen auch ein Ende.

"Nicht die Seenotrettung und der vermeintliche Pull-Faktor sind hier verantwortlich, sondern die Tatsache, dass es keine legalen Möglichkeiten der Migration gibt."

Judith Kohlenberger widerspricht einer im politischen Diskurs gängigen These

Zoom: Ist Ihnen das Phänomen auch bekannt, dass Männer aus Westafrika statt als Prostituierte oft als Drogenhändler bei der Mafia ihre Schulden abzahlen müssen?

Kohlenberger: Wir müssen zunächst unterscheiden zwischen Asylwerbenden und Asylberechtigten, weil viele Westafrikaner*innen gar keine Aussicht auf einen Flüchtlingsstatus haben. Fehlende legale Möglichkeiten der Einreise durch Arbeitsmigration bedeuten, dass ihnen als einzige Option der Einreise die Asylschiene bleibt Diese Verfahren dauern oft jahrelang mit dem gesamten Instanzenzug. Während dieser gesamten Zeit haben sie keinen Arbeitsmarktzugang und bekommen sehr wenig über die Grundversorgung. Es gibt nur einige wenige Gewerbe, die ihnen offenstehen, wie zum Beispiel Prostitution. Manche Menschen landen dann im illegalen Gewerbe, vor allem im Drogenhandel. Beim Handel mit illegalen Substanzen sind Asylwerbende also auch deshalb überrepräsentiert, weil ihre legalen Einkunftsmöglichkeiten stark beschränkt sind. Was im Übrigen auch gegen geltendes EU-Recht verstößt, weil nach der geltenden EU-Aufnahmerichtlinie Asylwerber*innen nach spätestens neun Monaten Aufenthalt im Aufnahmeland zwingend Zugang zum Arbeitsmarkt zu erlauben ist. Diese Richtlinie ist aber in den meisten EU-Ländern, darunter auch Österreich, bisher nicht umgesetzt worden.

"Beim Handel mit illegalen Substanzen sind Asylwerbende auch deshalb überrepräsentiert, weil die legalen Einkunftsmöglichkeiten beschränkt sind."

Judith Kohlenberger kritisiert, dass Österreich beim Zugang zu Arbeit gegen EU-Recht verstößt

Zoom: Es fehlen nicht nur legale Migrationswege, sondern auch Rückführungsabkommen, um jene, die keinen Recht auf Schutz haben, in ihre Heimatländer zurückzubringen. Manche westafrikanischen Länder wie Senegal gelten als sichere Herkunftsländer. Was hat die letzte Regierung hier erreicht und wie könnte eine künftige Regierung derartige Abkommen abschließen?

Kohlenberger: Es fehlen in Österreich viele Fachkräfte und unser Pensionssystem braucht junge Menschen, damit die Pensionen der Babyboomer gesichert sind. Daher muss es eine stärkere Durchlässigkeit zwischen den Schienen der Fluchtmigration und jener der Arbeitsmigration geben. Das bereits vorhandene Potenzial sollte man sinnvollerweise auch nützen. Rückführungsabkommen wiederum können nur im Rahmen von umfangreichen Partnerschaftsabkommen entstehen. Sogenannte „Remittance Zahlungen“ von Migrant*innen an ihre Familie im Herkunftsland machen in Staaten wie Gambia einen beträchtlichen Anteil des Bruttoinlandsprodukts aus. Um den Entfall dieser Zahlungen zu kompensieren, kann man Stipendien, Kontingente für legale Arbeitsmigration sowie zirkuläre Migration, Wirtschaftsförderung und Kooperationen mit Bildungsinstitutionen anbieten.

Zoom: Sebastian Kurz hat das Ziel, dass bei Fluchtmigration die Gesetze und der Rechtsstaat und bei Arbeitsmigration die Qualifikationen und nicht die Schlepper entscheiden sollen, wer in Österreich leben darf. Stimmen Sie mit diesem Ziel grundsätzlich überein? Welche Maßnahmen sind geeignet, dieses Ziel umzusetzen?

Kohlenberger: Mit dieser grundlegenden Haltung stimme wohl nicht nur ich, sondern alle im Parlament vertretenden Parteien überein – zumindest, wenn man den Wahlprogrammen Glauben schenken darf. Ich plädiere aber dennoch für eine stärkere Durchlässigkeit zwischen der humanitären Schiene einerseits und jene der qualifizierten Arbeitsmigration auf der anderen. Das ist notwendig, um dem zunehmend wichtiger werdenden Phänomen der „mixed migration“, also der gemischten Migration, gerecht zu werden. Migrationsgründe sind in der Realität nämlich so komplex und vielschichtig, dass sie nicht immer eine Kategorisierung in „freiwillig“, also ökonomisch motiviert, und „erzwungen“, also Flucht, erlauben. Man denke nur an die wirtschaftlichen Folgen kriegerischer Konflikte oder Naturkatastrophen aufgrund der Klimakrise. Beides bedroht ganz entschieden die Lebensgrundlage eines Menschen und kann zur Migration „zwingen“, auch wenn streng genommen kein Fluchtgrund vorliegt. Diese schwierige Gemengelage von politischen, demographischen, sozialen, ökologischen und ökonomischen Migrationsgründe trifft vor allem auf Migrant*innen aus Afrika zu, die aber streng genommen keine persönliche Verfolgung vorweisen können, wie es die Genfer Flüchtlingskonvention erfordern würde. Ihnen sollte man aber dennoch die Möglichkeit zur legalen, wenn auch nur temporären, Einreise nach Europa eröffnen, da ansonsten nur die (wenig aussichtsreiche) Asylschiene bleibt. Es erscheint mir zudem wenig sinnvoll, Fachkräfte aus dem Ausland aufwändig anzuwerben, anstatt auf vorhandenes Humankapital, Stichwort asylwerbende Lehrlinge, zu setzen. Da braucht es pragmatische Lösungen im Sinne aller Beteiligter.

Dr. Judith Kohlenberger forscht an der Wirtschaftsuniversität Wien mit einem Schwerpunkt auf Migration und Integration. Die 32-jährige Kultur- und Sozialwissenschaftlerin wurde im Jahr 2019 erstmals von der FAZ in das Ranking der 100 einflussreichsten deutschsprachigen Ökonom*innen aufgenommen. Sie ist außerdem Vorstandsmitglied der Schumpeter Gesellschaft und des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) sowie Teil des Falter Think Tanks, wo sie regelmäßig publiziert.