Florian Klenk bei der re:publica in Berlin im Mai 2019 - Foto: Stefanie Loos/re:publica CC BY-SA 2.0

"Ich hielt die Sache für Wichtigtuerei"

Falter-Chefredakteur Florian Klenk spricht während seines Urlaubs mit Zoom über die Macht von Christian Pilnacek, das Ibiza Video und die Frage, ob er ein Koks-Foto eines Politikers veröffentlichen würde.


Zoom: Als investigativer Journalist sind Sie auf die Informationen von mutigen Whistleblower*innen angewiesen. Personen, die einen Missstand mitbekommen und unter dem Risiko des Jobverlustes oder rechtlichen Problemen der Öffentlichkeit mitteilen. Manchmal werden auch Spitzenpolitiker oder -beamte zu Whistleblowern. Wie unterscheiden Sie, ob eine Information aus dem Kreis der Mächtigen kommt, die damit ihre eigene Agenda verfolgen und die eigene Macht ausbauen oder von jemandem, der einfach einen Missstand aufdecken will? Ist das Motiv der Quelle überhaupt relevant?

Florian Klenk: Relevant ist für mich, ob die Information im öffentlichen Interesse und wahr ist. Wenn mir zum Beispiel Missstände in Haftanstalten, korrupte Vorgänge oder Grausamkeiten im Vollzugssystem berichtet werden, dann ist für mich einzig relevant, ob die Information stimmt. Das Motiv eines Whistleblowers ist oft höchst unterschiedlich. In den meisten Fällen interessiert mich das Motiv nicht.

"In den meisten Fällen interessiert mich das Motiv nicht"

Florian Klenk würde auch Informationen von zweifelhaften Quellen veröffentlichen

Zoom: Einer der größten Scoops des Falter war die sogenannte "Liederbuch-Affäre". Übelste antisemitische Textzeilen, die den FPÖ-Politiker Udo Landbauer zum Rücktritt gezwungen haben. Sie haben die Informationen kurz vor der Wahl in Niederösterreich erhalten. Die ÖVP konnte dadurch die entscheidenden Prozentpunkte für eine absolute Mehrheit sichern. Hat es Sie überrascht, dass Landbauer nun wieder als Politiker aktiv ist?

Florian Klenk: Die Liederbuchaffäre wurde von Kollegin Nina Horaczek aufgedeckt. Ich habe dazu keine Recherchen angestellt. Dass Landbauer wieder im Amt ist, überrascht mich nicht.

"Das Redaktionsgeheimnis wäre kein Grund, einen Mord zu decken"

Falter-Chefredakteur Klenk über die Grenzen des Redaktionsgeheimnisses

Zoom: Im Gegensatz zum Bankgeheimnis oder der Verschwiegenheit von Rechtsanwälten ist das Redaktionsgeheimnis ein Recht und keine Pflicht. Würden Sie dieses Recht immer in Anspruch nehmen, oder gab es eine Situation, in der Sie gedacht haben, die Identität Ihrer Quelle ist von überwiegendem öffentlichem Interesse?

Florian Klenk: Das müsste man im Einzelfall abwägen. Das Redaktionsgeheimnis wäre sicherlich kein Grund, einen Mord oder eine andere schwere Straftat gegen Leib und Leben zu decken. Zum Glück bin ich noch nie in so eine Situation gekommen.

"Wenn das politische Handeln und die private Verfehlung nicht in Einklang zu bringen sind, wird man wohl eher veröffentlichen"

Florian Klenk über die Abwägung zwischen öffentlichem Interesse und höchstpersönlichem Lebensbereich

Zoom: Der Persönlichkeitsschutz ist sehr streng in Österreich. Der höchstpersönliche Lebensbereich ist besonders geschützt. Würden Sie Bildmaterial von einem Politiker, der Kokain konsumiert, veröffentlichen oder darüber schreiben? Macht es bei Ihrer Bewertung einen Unterschied, ob der Politiker für eine repressive Drogenpolitik eintritt und damit der politischen Heuchelei überführt wird?

Florian Klenk: Kommt auf den Politiker (welches Verretungsorgan) und die Umstände an. Das kann ich so pauschal nicht sagen. Meine Richtschnur: Wenn das politische Handeln und die private Verfehlung nicht in Einklang zu bringen sind, wird man wohl eher veröffentlichen.

Zoom: Über manche ungesicherten Informationen kann man nicht schreiben. Wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass ungesicherte Informationen stimmen, aber Sie bei Recherchen nicht weiterkommen, haben Sie jemals das BVT oder eine andere Behörde informiert und Ihnen geraten, sich einen Fall genauer anzusehen?

Florian Klenk: Schon eine Rechercheanfrage ist ja bekanntlich eine Information an eine Behörde. Grundsätzlich bin ich kein Hilfspolizist, aber wenn ich im Zuge von Recherchen auf grobe Missstände draufkomme, kann es schon sein, dass ich diese auch Behörden mitteile. So habe ich einmal einen sehr krassen Fall eines Häftlings mit Darmkrebs, der nicht entlassen wurde, an das BMJ gemeldet.

"Ich hielt die Sache daher für eine Wichtigtuerei"

Der Falter-Chefredakteur hat das Ibiza-Video erst fünf Tage vor der Veröffentlichung gesehen

Zoom: Wann haben Sie zum ersten Mal über die mögliche Existenz des Ibiza Videos erfahren? Mit wem haben Sie über das Ibiza Video gesprochen? Hat es Sie beunruhigt, dass es Kompromat über den Vizekanzler geben soll?

Florian Klenk: Vage Hinweise, dass es ein Video gibt, gab es vor etwa eineinhalb Jahren, doch die vermeintlichen Whistleblower erschienen nicht bei uns. Ich hielt die Sache daher für eine Wichtigtuerei. Kurz darauf gab es Hinweise eines Journalisten, dass so ein Video tatsächlich existiert. Gesehen habe ich es erst am Sonntag vor Veröffentlichung im Büro der SZ. Mit wem ich darüber gesprochen habe unterliegt dem Redaktionsgeheimnis.

"Ich kenne Herrn Sektionschef Mag. Pilnacek seit 20 Jahren, bin mit ihm per Sie und kommuniziere immer mal wieder über Fälle"

Chefredakteur Dr. Klenk über den mächtigsten Juristen des Landes

Zoom: In Justizkreisen ist es ein offenes Geheimnis, dass Sie und Sektionschef Christian Pilnacek gut miteinander können. Beim Ibiza Video ist er keine Quelle. Wann haben Sie das erste Mal mit ihm über das Video gesprochen?

Florian Klenk: Ich kenne Herrn Sektionschef Mag. Pilnacek seit 20 Jahren, bin mit ihm per Sie und kommuniziere immer mal wieder über Fälle, über die ich schreibe. Das ist auch alles nachzulesen. Dass ich ‚gut‘ mit ihm kann, ist etwas übertrieben. Ich habe zu ihm, so wie viele andere KollegInnen, eine korrekte Beziehung und eine professionelle Gesprächsbasis. Mal ist er mit meinen Einschätzungen einverstanden, manchmal nicht.

"Ich denke, dass es gut wäre, die Agenden aufzuteilen"

Florian Klenk über die Macht von Sektionschef Pilnacek

Zoom: Hat Christian Pilnacek zu viel Macht? Sind Straflegistik, Weisungen und vielleicht auch noch das Generalsekretariat eine zu große Ansammlung von Macht in der Justiz, unabhängig von der Person Pilnacek?

Florian Klenk: Ich denke, dass es gut wäre, die Agenden aufzuteilen. Einen Machtmissbrauch Pilnaceks habe ich bis dato übrigens nicht wahrgenommen. Ich erlebe ihn als streitbaren, aber korrekten Juristen. In der WKStA (Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft, Anm.) Affäre haben sich beide Seiten verrannt.

Zoom: Sie haben die WKStA nach ihrer Anzeige gegen Sektionschef Pilnacek als "peinlich" und in der "Krise" bezeichnet und die Ermittlungen als "provinzielles Hick-Hack". Kolleg*innen von Ihnen bei Addendum und dem ORF sehen das anders. Wann waren Sie sich im Verlauf des Falls sicher, dass die WKStA einen juristischen Fehler begangen hat und nicht der Sektionschef?

Florian Klenk: Die Anzeige gegen Pilnacek war nicht nur meiner Meinung nach unsubstantiert, sondern auch die StA Linz und der Weisenrat sahen das so. Umgekehrt fand ich auch die von Pilnacek goutierte Anzeige der OStA Wien gegen die WKStA äusserst schwach.

Das Interview mit Florian Klenk wurde schriftlich per Email und Signal am 19. August 2019 geführt. Unter Verschluss, aber dennoch in der Falter-Redaktion: Die ausführliche Abschrift der Eurofighter-Dienstbesprechung. Über den Konflikt zwischen Sektionschef Pilnacek und der Korruptionsstaatsanwaltschaft gibt es auch einen ausführlichen Bericht im Falter (Paywall) sowie das gesamte "Pilnacek Protokoll" bei Addendum.